Bravouröser Erfolg für Piaf trifft Brel

aus: NZ 1.4.2019 Carla Mantel singt Piaf und Brel, TiF vom 29.03.

von Norbert Duwe

Selten dürften ihre Zuhörer sie so konzentriert und ihrer Sache sicher erlebt haben: „Das unmögliche Konzert – Piaf trifft Brel“, konzipiert und umgesetzt von der Carla Mantel, geriet zu einem bravourösen Erfolg. Die Besucher im nahezu ausverkauften Theater im Fischereihafen (TiF) folgten der Sängerin mit ihrer Pianistin Angelika Scholl und der Akkordeonspielerin Mariska Nijhof mit nimmermüdem Applaus.

Den hatte die Protagonistin doppelt verdient: Gleich neunzehn der 24 Lieder hat sie selbst aus dem Französischen ins Deutsche übertragen und sich dabei möglichst nahe an die ursprünglichen Fassungen gehalten; bei drei Texten von Jacques Brel interpretierte sie vorhandene Übersetzungen. Die Ouvertüre des Programms jedoch blieb im Original: „Au clair de la lune“ sangen Mantel, Scholl und Nijhof a cappella das Volkslied über eine heimliche Liebesgeschichte. Die Liebe – das  Kernthema nicht nur der Chansonlegende Piaf. 

Ihre Chansons reflektieren ihren  Lebensweg von 1915 bis 1963: die Erfahrungen als ungeliebtes „Kind aus der Gosse“ („Comme un moineau“ von 1927) vom Rotlichtviertel Montparnasse ins gleißende Rampenlicht der Varietétheater, von der kleinen Straßensängerin aus ärmsten Verhältnissen zum umjubelten Star.

Sie erzählen von den Gefühlen der jeweils großen Liebe und beschreiben den Zauber ihrer Heimatstadt Paris. Aus ihnen entwickelte sich der Stoff, der bislang den Ruf der Piaf und ihre Welterfolge am Leben erhalten. Dazu zählen die Huldigungen an ihre Stadt in „Paris“ und „Sous le ciel de Paris“, gehört die „Hymne à l’amour“ ebenso wie „Milord“, nicht zu vergessen die Ballade „Les amants d’un jour“ und das sprachlich auch im TiF nicht angetastete Vermächtnis der Piaf: „Je ne regrette rien“.

Carla Mantel näherte sich diesen Liedern mit spürbarem Respekt, verließ sich ganz auf ihre eigene Interpretation. Stimmlich bestens disponiert, sparsam in Gestik und Bewegung und mit wenigen verbindenden Anmerkungen ließ die Sängerin die Emotionen der Lieder fließen.

Diese ausschließlich an den Inhalten orientierte Einstellung dürfte ihr auch den Mut gegeben haben, die persönlichen und gesellschaftlichen Zustandsbeschreibuneng in den Texten Jacques Brels (1929-1978) eigenwillig zu gestalten. Dessen gesungene Revolte in „Rosa“ und  „Amsterdam“  wie seine Sozialkritik in „Les Désespérés“ und „Tango funebre“ benötigen viel Kraft, erst recht Brels Hang zu tiefer Traurigkeit in „Chanson des vieux amants“ und Abschiedsangst in „Ne me quitte pas“.

Den Schlusspunkt setzte Carla Mantel mit „Ich verlasse mich auf dich“, Jacques Brels Edith Piaf gewidmetes Lied „Je m’en remets à toi“. Das unmögliche Konzert – eine denkwürdige Hommage an zwei so verschiedene Charaktere.